Rezension „Ich bin auch katholisch“

Rezension

„Ich bin auch katholisch“

Wolfgang Bühne · Die Heilige Schrift und die Dogmen der Kirche · CLV, Bielefeld, 6. Auflage 2010 · 160 Seiten

Vierzehn Aussagen des Buches, geprüft am Katechismus der Katholischen Kirche und an der Bibel. Dazu ein Anhang zur Kirchengeschichte der ersten Jahrhunderte.

Antippen zeigt die Quelle:

  • Originalzitat aus dem Buch
  • Bibel, Elberfelder 1905
  • Katechismus
  • Kirchenväter

Die Aussagen im Einzelnen

„Allein auf die Gnade Gottes vertrauen“ sei katholischerseits Ketzerei

Bühne schreibt über einen Katholiken, dieser habe „allein auf die Gnade Gottes“ vertraut und sich damit im direkten Widerspruch zu seiner Kirche befunden, die diese Überzeugung verdamme. Das trifft die katholische Lehre nicht. Sie lehrt ausdrücklich, dass der Anfang der Rechtfertigung von Gottes Gnade ausgeht und niemand die erste Gnade verdienen kann, durch die Bekehrung, Vergebung und Rechtfertigung überhaupt möglich werden (vgl. ; ).

Genau das entspricht auch zentralen Aussagen des Neuen Testaments. Paulus schreibt, dass wir „aus Gnade“ gerettet sind und dies „nicht aus Werken“ geschieht (). In heißt es, dass alle gesündigt haben und „umsonst gerechtfertigt werden durch seine Gnade“. Auch stellt die Rettung ausdrücklich nicht auf die Grundlage eigener gerechter Werke, sondern auf Gottes Erbarmen. Selbst die menschliche Antwort auf Gottes Ruf setzt nach und sein vorausgehendes Wirken voraus.

Gute Werke werden in der katholischen Lehre daher nicht als Ersatz für Gottes Gnade verstanden, sondern als deren Frucht (vgl. ; ; ). Der tatsächliche evangelisch-katholische Streit liegt also wesentlich differenzierter im Verhältnis von Rechtfertigung, Glauben, Liebe und menschlicher Mitwirkung. Die Aussage, Vertrauen auf Gottes Gnade sei katholische Ketzerei, trifft die katholische Position nicht.

Die Kirchenväter hätten bis ins 5. Jahrhundert ausschließlich die Schrift als Autorität anerkannt

Diese Behauptung ist historisch zu pauschal. Bereits Irenäus von Lyon argumentierte um 180 n. Chr. nicht nur mit den biblischen Schriften, sondern ausdrücklich mit der von den Aposteln überlieferten Lehre und mit der Sukzession der Bischöfe. Bei der Abwehr gnostischer Sonderlehren verweist er auf die apostolischen Kirchen und deren öffentlich überlieferte Glaubensregel.

Auch das Neue Testament kennt neben der schriftlichen Überlieferung eine verbindliche mündliche Weitergabe. Paulus fordert die Thessalonicher auf: „Haltet an den Überlieferungen fest, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch ein Wort, sei es durch einen Brief von uns“ (). Ähnlich erinnert er die Korinther daran, an den Überlieferungen festzuhalten, die er ihnen übergeben hat (), und beauftragt Timotheus, das von ihm Gehörte wiederum zuverlässigen Menschen anzuvertrauen, die fähig sind, andere zu lehren ().

Die katholische Lehre unterscheidet deshalb zwischen Heiliger Schrift und apostolischer Überlieferung, ohne beide gegeneinander auszuspielen (vgl. ; ). Damit ist noch nicht automatisch jede spätere katholische Lehrentwicklung bewiesen. Aber die Behauptung, bis ins 5. Jahrhundert hätten die Kirchenväter ausschließlich die Schrift als Autorität anerkannt, lässt sich mit den frühchristlichen Quellen kaum vereinbaren.

Quellen

Papst- und Konzilsentscheidungen seien ebenso „vom Heiligen Geist eingegeben“ wie die Bibel

Hier werden zwei unterschiedliche katholische Begriffe miteinander vermischt. Die Inspiration der Heiligen Schrift ist etwas anderes als der Beistand des Heiligen Geistes, den die Kirche für die Bewahrung und verbindliche Auslegung des apostolischen Glaubens beansprucht. Der Katechismus behandelt diese Dinge ausdrücklich getrennt: die Inspiration der Schrift in , das Lehramt in .

Dabei lehrt die katholische Kirche gerade nicht, das Lehramt stehe über dem Wort Gottes. Es soll diesem dienen.

Ein biblisches Muster für kirchliche Lehrentscheidung findet sich im Apostelkonzil von Jerusalem. Dort wird eine umstrittene Frage gemeinsam entschieden, und der Beschluss beginnt mit den bemerkenswerten Worten: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (). Jesus verheißt seinen Jüngern zudem den Geist, der sie lehren und an seine Worte erinnern wird (), und spricht vom Geist der Wahrheit, der sie in die ganze Wahrheit führen werde (). Das ist nicht identisch mit der Inspiration der Bibel, zeigt aber, warum katholische Theologie zwischen Schriftinspiration und kirchlichem Geistbeistand unterscheidet.

„Die Bibel enthält wohl Gottes Wort, ist aber nicht in allen Teilen Gottes Wort“

Auch diese Zusammenfassung entspricht nicht der katholischen Schriftlehre. Die Kirche bekennt die Bücher des Alten und Neuen Testaments vollständig und mit allen ihren Teilen als inspiriert und Gott als ihren Urheber (vgl. ).

Das steht in Übereinstimmung mit : „Jede Schrift ist von Gott eingegeben.“ Auch erklärt, dass prophetische Schrift nicht aus menschlichem Willen hervorgegangen sei, sondern Menschen „vom Heiligen Geist getrieben“ gesprochen hätten. Jesus selbst behandelt die Schrift als verbindlich und sagt in , dass „die Schrift nicht aufgehoben werden kann“.

Dass katholische Exegese zugleich die menschlichen Verfasser, ihre historischen Situationen und literarischen Formen berücksichtigt, bedeutet daher nicht, dass nur Teile der Bibel Gottes Wort wären.

Katholiken dürften nur kirchlich genehmigte Bibelübersetzungen „benutzen“

Auch hier wird aus einer kirchenrechtlichen Regelung mehr gemacht, als sie tatsächlich aussagt. Die betreffende Vorschrift regelt insbesondere die Genehmigung von Bibelausgaben und Übersetzungen für Veröffentlichung und kirchlichen Gebrauch. Daraus folgt nicht, dass einem Katholiken grundsätzlich verboten wäre, privat eine andere Bibelübersetzung zu lesen.

Im Gegenteil fordert die katholische Kirche ausdrücklich zur häufigen Schriftlesung auf (vgl. ). Das passt zu der biblischen Wertschätzung des Schriftstudiums: Die Juden in Beröa werden ausdrücklich dafür gelobt, dass sie täglich in den Schriften forschten (), und Paulus fordert Timotheus auf, das Wort der Wahrheit richtig auszulegen (). Gleichzeitig zeigt , dass die Schrift nach neutestamentlichem Verständnis nicht immer selbsterklärend ist: Der äthiopische Kämmerer fragt Philippus, wie er verstehen solle, „wenn mich niemand anleitet“.

Trient habe die „Apokryphen“ erst hinzugefügt, um katholische Lehren gegen die Reformatoren zu rechtfertigen

Diese Darstellung ist historisch problematisch. Die heute katholisch sogenannten deuterokanonischen Bücher wurden nicht erst im 16. Jahrhundert erfunden oder erstmals als Heilige Schrift behandelt. Sie finden sich bereits viele Jahrhunderte vor der Reformation in kirchlichen Kanonlisten und wurden liturgisch verwendet. Die katholische Kirche führt sie daher als Teil des Alten Testaments auf (vgl. ).

Auch innerhalb des Neuen Testaments gibt es interessante Berührungspunkte. erinnert auffällig an die Märtyrererzählungen aus . enthält Motive, die christliche Leser früh mit der Passion Christi in Verbindung brachten. – die Vergebung des Nächsten im Zusammenhang mit der eigenen Bitte um Vergebung – hat eine deutliche sachliche Parallele zu .

Das bedeutet nicht, dass damit jede Kanonfrage erledigt wäre. Es zeigt aber, dass die Behauptung, Trient habe diese Bücher erst aus apologetischen Gründen „hinzugefügt“, die tatsächliche Vorgeschichte stark verkürzt.

Der gefallene Mensch könne sich „mit eigener Kraft“ retten oder Verdienste erwerben

Die katholische Lehre sagt gerade nicht, dass sich der Mensch aus eigener Kraft erlösen könne. Sie betont vielmehr, dass selbst der Anfang der Umkehr und Rechtfertigung von Gottes Gnade ermöglicht wird (vgl. ). Niemand kann die erste Gnade der Vergebung und Rechtfertigung verdienen ().

Das entspricht : „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht.“ Auch ist eindeutig: „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ Paulus beschreibt sein eigenes apostolisches Wirken nicht als unabhängige menschliche Leistung, sondern sagt: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ und „nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir“ ().

Wenn katholische Theologie von „Verdienst“ spricht, setzt sie deshalb immer Gottes vorausgehende Gnade und die Gemeinschaft mit Christus voraus (vgl. ). Gerade verbindet menschliches Handeln und göttliches Wirken unmittelbar miteinander: Die Gläubigen sollen handeln, „denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt“.

Das Messopfer bedeute, das Kreuzesopfer Jesu habe nicht ausgereicht

Das ist nicht die katholische Lehre. Christus wird in der Messe weder erneut gekreuzigt noch stirbt er immer wieder. Sein Kreuzesopfer bleibt einmalig, vollkommen und unwiederholbar. sagt ausdrücklich, dass wir „durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für alle Mal geheiligt“ sind; fügt hinzu, dass Christus „durch ein einziges Opfer“ die Geheiligten für immer vollendet hat.

Genau diese Einmaligkeit bekennt auch die katholische Kirche. Die Eucharistie wird nicht als zweites Opfer neben Golgatha verstanden, sondern als sakramentale Vergegenwärtigung desselben einen Opfers (vgl. ). Deshalb heißt es in ausdrücklich, Kreuzesopfer und Eucharistie seien „ein einziges Opfer“.

Die katholische Argumentation stützt sich dabei unter anderem auf Jesu Auftrag „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ () und auf Paulus, der den eucharistischen Kelch als „Teilhabe am Blut Christi“ und das Brot als „Teilhabe am Leib Christi“ bezeichnet (). Wer diese Deutung exegetisch ablehnt, kann sie selbstverständlich kritisieren. Man sollte sie aber nicht so darstellen, als lehre die katholische Kirche, Golgatha sei unzureichend gewesen.

„Der Priester allein“ könne Sünden vergeben

Der Katechismus beginnt die entsprechende Lehre mit dem klaren Satz: „Nur Gott vergibt Sünden“ (). Der Priester besitzt also keine von Gott unabhängige Vergebungsmacht.

Die katholische Begründung setzt bei an. Der auferstandene Christus sagt zu den Aposteln: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“, haucht sie an und fährt fort: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“ Ebenso spricht Paulus vom „Dienst der Versöhnung“, den Gott den Aposteln übertragen habe (). Auch verbindet Sündenvergebung, das Gebet der Ältesten und die kirchliche Krankensalbung.

Die katholische Lehre versteht den Priester deshalb als Diener einer Vergebung, die ausschließlich von Gott kommt (vgl. ; ).

Das katholische Priestertum sei eine konkurrierende „Gnadenvermittlung“ neben Christus

Nach katholischer Lehre gibt es keinen zweiten Erlöser und keinen zweiten Mittler neben Christus. bleibt ausdrücklich maßgeblich: „Einer ist Gott, einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus.“ Ebenso bezeichnet der Hebräerbrief Christus als den vollkommenen und bleibenden Hohenpriester ().

Das katholische Amtspriestertum soll deshalb nicht an die Stelle Christi treten, sondern an seinem einen Priestertum Anteil haben und ihm dienen (vgl. ). Zugleich kennt das Neue Testament verschiedene kirchliche Dienste. Paulus und Barnabas setzen Älteste in den Gemeinden ein (), Timotheus empfängt eine Gabe durch Handauflegung (; ), und Titus wird beauftragt, in jeder Stadt Presbyter einzusetzen ().

Daneben bleibt das gemeinsame Priestertum aller Getauften bestehen, das ausdrücklich beschreibt. Genau diese Unterscheidung zwischen allgemeinem Priestertum und besonderem Dienst übernimmt die katholische Lehre (vgl. ; ).

Jeder Mensch, der sich nicht dem Papst unterwirft, gehe automatisch ewig verloren

Eine solche pauschale Aussage gibt die katholische Lehre nicht wieder. Sie unterscheidet ausdrücklich zwischen einer bewussten Zurückweisung dessen, was jemand als von Christus gewollt erkannt hat, und einer Unkenntnis, für die ein Mensch nicht persönlich verantwortlich ist (vgl. ).

Diese Unterscheidung besitzt eine biblische Grundlage. Jesus selbst unterscheidet in zwischen dem Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, und demjenigen, der ihn nicht kennt. In sagt er sogar: „Wenn ich nicht gekommen wäre und zu ihnen gesprochen hätte, hätten sie keine Sünde.“ Auch Paulus spricht in von unterschiedlicher Verantwortlichkeit entsprechend der empfangenen Erkenntnis.

Zugleich lehrt die katholische Kirche, dass getaufte nichtkatholische Christen in einer realen, wenn auch unvollkommenen Gemeinschaft mit ihr stehen (vgl. ). Das passt zu dem neutestamentlichen Bild eines einzigen Leibes Christi (), ohne daraus eine pauschale Verdammung jedes nichtkatholischen Christen abzuleiten.

Maria werde „angebetet“, sei ein „Abgott“ und habe Jesus ersetzt

Diese Darstellung trifft die katholische Position besonders deutlich nicht. Anbetung gebührt nach katholischem Verständnis allein Gott. Die Verehrung Marias wird ausdrücklich von der Anbetung Gottes unterschieden (vgl. ), und Christus bleibt der einzige Erlöser und Mittler (vgl. ; ).

Die besondere Ehrung Marias wird biblisch vor allem aus dem Lukasevangelium begründet. Elisabeth nennt sie „gesegnet unter den Frauen“ (), und Maria selbst sagt: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (). Der Grund dafür liegt nicht in einer unabhängigen Größe Marias, sondern ausdrücklich darin, dass „der Mächtige Großes an mir getan“ hat ().

Auch wird im katholischen Verständnis als Beispiel ihrer Fürbitte gelesen: Maria weist auf die Not des Brautpaares hin und sagt anschließend zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“ Gerade dieser Satz richtet den Blick nicht weg von Christus, sondern auf ihn.

Nur die „Apokryphen“ lieferten Belege für Fegefeuer und Fürbitte der Heiligen

Auch diese Aussage ist zu pauschal. Die katholische Lehre beruft sich beim Fegefeuer nicht nur auf , sondern auch auf neutestamentliche Texte. Besonders häufig wird genannt: Das Werk eines Menschen wird im Feuer geprüft; er selbst „wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer“. Ebenso wird herangezogen, wo Jesus von einer Sünde spricht, die „weder in dieser noch in der zukünftigen Welt“ vergeben werde.

Die katholische Lehre versteht das Fegefeuer deshalb als endgültige Reinigung bereits Geretteter, nicht als zweite Erlösungschance (vgl. ).

Auch die Fürbitte der Heiligen wird nicht ausschließlich auf deuterokanonische Texte gestützt. beschreibt die Ältesten im Himmel mit goldenen Schalen voll Weihrauch, „das sind die Gebete der Heiligen“. In steigen die Gebete der Heiligen vor Gott auf. spricht zudem von einer „Wolke von Zeugen“, die die Gläubigen umgibt. Ob diese Stellen zwingend die katholische Praxis beweisen, kann diskutiert werden; die Behauptung, es gebe dafür keinerlei neutestamentliche Grundlage, ist jedoch zu stark.

Fegefeuer bedeute „keine Heilsgewissheit“

Im katholischen Verständnis befinden sich im Fegefeuer gerade Menschen, deren endgültige Rettung nicht mehr infrage steht. Das Fegefeuer ist keine Zwischenstufe, in der noch entschieden würde, ob jemand Himmel oder Hölle erreicht, sondern eine Reinigung der bereits Geretteten (vgl. ).

Deshalb spielt in der katholischen Argumentation eine so wichtige Rolle: Der Betreffende erleidet Verlust, „er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer“. ergänzt das Motiv, dass nichts Unreines in die himmlische Stadt eingehen wird. Das Fegefeuer wird daher nicht als Konkurrenz zur Erlösung Christi verstanden, sondern als deren endgültige reinigende Anwendung.

Anhang

Kirchengeschichte

Zeugnisse der frühen Kirche von Clemens von Rom bis Tertullian, jeweils mit den Stellen aus der Bibel und dem Katechismus und mit den Quellentexten der Kirchenväter.

  1. Um 96 n. Chr.

    Clemens von Rom spricht bereits von apostolischer Amtsnachfolge

    Der 1. Clemensbrief liegt zeitlich bemerkenswert nahe an der apostolischen Generation. Dort wird beschrieben, dass die Apostel Bischöfe und Diakone einsetzten und Vorsorge dafür trafen, dass nach deren Tod andere bewährte Männer ihren Dienst übernehmen sollten.

    Ein entsprechendes Prinzip ist bereits im Neuen Testament zu erkennen. Nach dem Tod des Judas wird sein Amt nicht einfach aufgehoben, sondern Matthias tritt an seine Stelle (). Paulus und Barnabas setzen in den Gemeinden Älteste ein (), und Paulus beauftragt Timotheus, das Empfangene an zuverlässige Männer weiterzugeben, die wiederum andere lehren können (). In wird Titus ausdrücklich damit beauftragt, in jeder Stadt Presbyter einzusetzen.

    Die katholische Kirche bezeichnet diese fortgesetzte Weitergabe des apostolischen Amtes als apostolische Sukzession (vgl. ). Das beweist noch nicht jedes spätere Detail des katholischen Amtsverständnisses, zeigt aber, dass geordnete Amtsnachfolge keine mittelalterliche Neuerfindung ist.

    Quellen

  2. Spätes 1./frühes 2. Jahrhundert

    Die Didache kennt Taufe, Eucharistie, Sonntagsversammlung, Sündenbekenntnis sowie Bischöfe und Diakone

    Die Didache zeigt eine frühe christliche Gemeindeordnung, die bereits erstaunlich viele Elemente kennt, die später selbstverständlich zum katholischen Kirchenleben gehören: Taufe, Eucharistie, regelmäßige Versammlung am Herrentag, Sündenbekenntnis und geordnete Ämter.

    Diese Dinge stehen zugleich in engem Zusammenhang mit dem Neuen Testament. verbindet die Taufe mit dem Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. verbindet Taufe, Vergebung, apostolische Lehre, Gemeinschaft und Brotbrechen. berichtet von einer Versammlung „am ersten Tag der Woche“, um das Brot zu brechen. nennt bereits „Bischöfe und Diakone“.

    Es ist daher schwer, eine sakramentale und geordnete Kirchenstruktur pauschal als spätere mittelalterliche Entwicklung darzustellen.

    Quellen

  3. Anfang des 2. Jahrhunderts

    Ignatius von Antiochien vertritt eine sehr reale Eucharistieauffassung

    Ignatius kritisiert christliche Gruppen gerade deshalb, weil sie nicht bekennen, dass die Eucharistie das Fleisch Jesu Christi sei. Gleichzeitig bindet er die Feier der Eucharistie an den Bischof oder an jemanden, der von ihm dazu beauftragt wurde.

    Das ist für die Frage nach der frühen Eucharistieauffassung bedeutend. Schon Paulus fragt in : „Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?“ In warnt er davor, sich am „Leib und Blut des Herrn“ schuldig zu machen, wenn man unwürdig von Brot und Kelch isst. Auch Jesu Worte „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“ in wurden in der frühen Kirche offensichtlich nicht ausschließlich als unverbindliche Symbolsprache verstanden.

    Die spätere scholastische Erklärung des Begriffs „Transsubstantiation“ findet sich bei Ignatius natürlich noch nicht. Eine ausschließlich symbolische Eucharistielehre lässt sich aber ebenso wenig als die unbestrittene Position der frühesten Christen darstellen (vgl. ).

    Quellen

  4. Um 150

    Justin der Märtyrer beschreibt einen strukturierten Sonntagsgottesdienst

    Justin berichtet von einer sonntäglichen Versammlung, in der aus den apostolischen und prophetischen Schriften gelesen wird. Anschließend folgt eine Auslegung, danach gemeinsames Gebet und schließlich die Eucharistie.

    Diese Struktur besitzt auffällige Parallelen zum Neuen Testament. verbindet den ersten Tag der Woche mit dem Brotbrechen; nennt das öffentliche Vorlesen, Ermahnen und Lehren; beschreibt die frühe Gemeinde mit den vier Kennzeichen „Lehre der Apostel“, „Gemeinschaft“, „Brechen des Brotes“ und „Gebete“.

    Die katholische Liturgie versteht die Verbindung von Wortgottesdienst und Eucharistie bis heute als zwei zusammengehörige Teile derselben Feier (vgl. ). Die Grundstruktur ist also keineswegs eine spätmittelalterliche Erfindung.

    Quellen

  5. Justin versteht die Eucharistie nicht als gewöhnliches Brot und gewöhnlichen Trank

    Justin erklärt ausdrücklich, Christen betrachteten die Eucharistie nicht als gewöhnliche Nahrung. Er verbindet sie vielmehr mit dem Fleisch und Blut des menschgewordenen Christus.

    Auch Paulus spricht in nicht nur von einem Erinnerungszeichen, sondern von „Teilhabe am Blut Christi“ und „Teilhabe am Leib Christi“. In warnt er davor, den Leib des Herrn nicht zu unterscheiden.

    Die katholische Lehre von der wirklichen Gegenwart Christi in der Eucharistie steht daher zumindest in einer sehr alten christlichen Auslegungstradition (vgl. ).

    Quellen

  6. Justin verbindet die Taufe mit Sündenvergebung und Wiedergeburt

    Eine rein symbolische Taufauffassung lässt sich ebenfalls nicht ohne Weiteres zur einzig ursprünglichen christlichen Position erklären. Justin verbindet die Taufe bereits mit Wiedergeburt und Vergebung.

    Das Neue Testament verwendet eine ähnlich starke Sprache. Petrus sagt: „Kehrt um, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden“ (). Paulus wird aufgefordert: „Steh auf, lass dich taufen und deine Sünden abwaschen“ (). In verbindet Paulus die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Christi; spricht vom „Bad der Wiedergeburt“, und sagt sogar: „Die Taufe rettet jetzt auch euch.“

    Das katholische Verständnis der Taufe als wirksames Sakrament steht deshalb nicht ohne biblische und frühchristliche Grundlage da (vgl. ; ).

    Quellen

  7. Um 180

    Irenäus beruft sich ausdrücklich auf apostolische Tradition und Bischofsnachfolge

    Irenäus argumentiert gegen gnostische Sonderlehren nicht ausschließlich mit einzelnen Schriftstellen. Er verweist ebenso auf die öffentlich überlieferte apostolische Lehre und auf die Gemeinden, deren Bischöfe in einer geschichtlichen Verbindung zu den Aposteln stehen.

    Dieses Vorgehen besitzt neutestamentliche Parallelen. Paulus fordert die Christen auf, an den Überlieferungen festzuhalten, die sie „durch Wort oder Brief“ empfangen haben (). Timotheus soll das von Paulus Gehörte wiederum zuverlässigen Lehrern anvertrauen (). Titus soll in den Städten Presbyter einsetzen ().

    Apostolische Überlieferung und Amtssukzession sind daher bereits im 2. Jahrhundert deutlich greifbar und passen zu neutestamentlichen Strukturen (vgl. ; ).

    Quellen

  8. Irenäus hebt die Kirche von Rom schon im 2. Jahrhundert besonders hervor

    Man sollte daraus nicht unmittelbar jedes spätere Papstdogma ableiten. Dennoch ist historisch bemerkenswert, dass Irenäus gerade die römische Kirche als besonders wichtiges Beispiel apostolischer Kontinuität anführt und ihre Bischofsfolge aufzählt.

    Das Neue Testament selbst räumt Petrus eine auffällige Stellung ein. Jesus gibt ihm die Schlüssel des Himmelreiches (), betet besonders für seinen Glauben und beauftragt ihn, seine Brüder zu stärken (). In erhält Petrus dreimal den Auftrag: „Weide meine Schafe.“ In der Apostelgeschichte ist er Sprecher bei der Wahl des Matthias (), hält die Pfingstpredigt (), spielt eine Schlüsselrolle bei der Aufnahme der Heiden () und spricht beim Apostelkonzil ().

    Die katholische Deutung des Petrusdienstes entsteht also nicht aus einem völligen historischen und biblischen Vakuum (vgl. ; ).

    Quellen

  9. Irenäus bezeichnet die Eucharistie als Opfergabe der Kirche

    Auch die Verbindung von Eucharistie und Opfer ist älter als das Mittelalter. Irenäus spricht von der Opfergabe der Kirche und verbindet die Eucharistie mit christlicher Darbringung und Danksagung.

    Die katholische Kirche versteht dies nicht als erneute Tötung Christi. Das Kreuzesopfer bleibt einmalig. In der Eucharistie wird dieses eine Opfer sakramental gegenwärtig (vgl. ). Paulus verbindet in ausdrücklich Eucharistie, Tischgemeinschaft und Opferterminologie. spricht davon, dass Christen einen „Altar“ haben, während die Gläubigen als „heilige Priesterschaft“ bezeichnet, die geistige Opfer darbringt.

    Die Sprache von Opfer und Eucharistie ist deshalb bereits sehr früh christlich belegt.

    Quellen

  10. Um 200

    Tertullian argumentiert nicht mit „Schrift allein“ im modernen evangelikalen Sinn

    Tertullian besitzt eine sehr hohe Sicht der Heiligen Schrift. Gleichzeitig betrachtet er die apostolischen Kirchen, deren überlieferte Lehre und deren geschichtliche Kontinuität als wichtige Kriterien, um neue Irrlehren zurückzuweisen.

    Damit steht er näher an dem Muster von , wo Paulus schriftliche und mündliche apostolische Überlieferung nebeneinander nennt, als an der Vorstellung, die Kirche habe ausschließlich einen bereits vollständig festgelegten Bibelkanon benutzt, um jede Glaubensfrage individuell zu entscheiden.

    Die katholische Verbindung von Schrift und apostolischer Überlieferung (vgl. ) ist deshalb keineswegs erst eine Reaktion auf die Reformation.

    Quellen

  11. Der vollständige heutige neutestamentliche Kanon lag den ersten Christen noch nicht als Sammlung von 27 Büchern vor

    Die neutestamentlichen Schriften wurden früh als hochautoritative apostolische Texte gelesen. zählt Paulusbriefe bereits zu den „Schriften“, zeigt, dass apostolische Briefe zwischen Gemeinden ausgetauscht wurden, und verlangt deren öffentliche Verlesung.

    Trotzdem existierte im 1. und frühen 2. Jahrhundert noch keine überall abschließend festgelegte Sammlung genau jener 27 Bücher, die heute das Neue Testament bilden. Die genaue Abgrenzung wurde über längere Zeit innerhalb der Kirche geklärt.

    Das ist für die Frage nach „Schrift allein“ von Bedeutung. Die ersten Christen besaßen die Heilige Schrift, aber sie lebten zugleich innerhalb einer apostolischen Lehr-, Gottesdienst- und Amtsgemeinschaft. Auch und zeigen, dass nicht alles, was Jesus tat und lehrte, schriftlich aufgezeichnet wurde. Der katholische Gedanke, dass die Kirche den Kanon nicht geschaffen, aber in der apostolischen Überlieferung erkannt und bewahrt hat, fügt sich in diesen historischen Prozess ein (vgl. ; ).

  12. Gebet für Verstorbene ist ebenfalls früh belegt

    Fürbitte für Verstorbene ist keine rein spätmittelalterliche Erscheinung. Damit ist noch nicht automatisch jedes spätere Detail der Fegefeuerlehre bewiesen. Es zeigt aber, dass die Praxis selbst deutlich älter ist.

    Der klarste biblische Bezug steht in , wo ausdrücklich für Verstorbene gebetet wird. Im Neuen Testament wird häufig diskutiert, weil Paulus für Onesiphorus bittet, der Herr möge ihm „an jenem Tag“ Barmherzigkeit schenken. wiederum beschreibt eine Prüfung nach dem Tod, bei der jemand Verlust erleidet und dennoch gerettet wird.

    Die katholische Praxis des Gebets für Verstorbene steht deshalb in Verbindung mit dem umfassenderen Glauben an die Gemeinschaft der Heiligen und an eine endgültige Reinigung nach dem Tod (vgl. ; ).

    Quellen

Quellen und Hinweise

Besprochenes Buch
Wolfgang Bühne: Ich bin auch katholisch … Die Heilige Schrift und die Dogmen der Kirche. 6. Auflage 2010, Bielefeld: CLV (ISBN 978-3-89397-122-0). Seitenangaben nach dieser Auflage. Die Zitate dienen der Besprechung; Auslassungen sind mit […] gekennzeichnet.
Bibel
Die Vorschau zeigt die Elberfelder Bibel in der unrevidierten Fassung von 1905 (gemeinfrei). Die revidierte Elberfelder (2006) und die Einheitsübersetzung sind über die Links zu ERF Bibleserver nachzulesen. Wörtliche Bibelzitate im Rezensionstext folgen überwiegend der Einheitsübersetzung.
Deuterokanonische Bücher
2 Makk, Weish und Sir fehlen in der Elberfelder Bibel und werden nach der Einheitsübersetzung zitiert: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.
Katechismus
Katechismus der Katholischen Kirche, Deutsche Ausgabe (1997), Text nach vatican.va, © Libreria Editrice Vaticana. Gezeigt werden die Kernsätze der angegebenen Nummern; Auslassungen sind mit […] gekennzeichnet.
Kirchenväter
Bibliothek der Kirchenväter (BKV), 1. Reihe (Kempten/München 1912–1918), gemeinfrei; Text nach bkv.unifr.ch.